
Wir erinnern uns: „… „Ach, die meisten haben mit Drogen gedealt oder haben Einbrüche begangen. Vereinzelt haben sie auch schon jemanden umgebracht…“ Nun, diese Antwort trug nicht gerade entscheidend zu meiner Beruhigung bei…“
Jetzt wurden Mannschaften gebildet: Die Jungs sollten schliesslich nicht nur zusehen, sondern auch selbst spielen dürfen. Sowohl bei den Wärtern, wie auch bei uns stiegen nun Spannung und Puls. Was, wenn da einer seine Aggression nicht im Zaum hält?
Spätestens nach fünf Minuten jedoch lösten sich diese Zweifel in Luft auf: Mit meinen Sechstelern Unihockey zu spielen ist wohl aggressiver. Dieser Eindruck bestätigte ein weiteres Mal, dass Sport eine wunderbare Brücke bauen kann und diese Jungs nichts anderes sind als Kinder – Kinder, die gerne spielen, die sich gerne messen, lachen, Freude haben…
Offenbar gefiel dieses eineinhalbstündige Training auch dem Gefängnisdirektor. Zu unserer grossen Überraschung hiess es nämlich plötzlich, man verlasse jetzt den Platz und gehe noch in den zweiten Trakt, wo jene 50 Jungs warteten, die bereits zum zweiten oder dritten Mal hier seien… So führten wir auch dort nochmals das Programm wie beschrieben durch und auch hier waren die Erfahrungen begeisternd. Fortan wird die Jugendorganisation vor Ort einmal im Monat die Möglichkeit haben, in diesem Jugendgefängnis ein Training durch zu führen.
Die zweite Trainingswoche in Praia Grande verlief ähnlich wie die erste in Curitiba. Auch hier konnten wir am Ende der Woche fünf Startersets mit Schlägern, Helmen, Bällen, Überziehern, Matchdresses und Theoriematerial an Jugendarbeiter abgeben, die den Unihockeysport in ihren Städten und Dörfern bewusst als Instrument einsetzen wollen, um Kindern und Jugendlichen eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu bieten, sie von der Strasse zu holen und ihnen durch diesen Teamsport Grundwerte weiter zu geben.
Das Elend in den Favelas - und unser Rezept
In der dritten Woche waren wir dann im Zentrum von São Paulo und besuchten auf eigene Faust verschiedene Zentren und Werke in der Peripherie. Hierzu ein Ausschnitt aus meinem Tagebucheintrag: „70 Kilometer vom Zentrum bis zum äussersten Zipfel. Zuerst die Metro bis zur letzten Station. Dann den Zug bis zur letzten Station. Und schliesslich den Bus bis zur Endstation. Dann sind wir hier. In Jardim Noronha. Die verruchteste Favela São Paulos. Die Gegend mit der grössten Kriminalität in ganz Brasilien, ja in ganz Lateinamerika. Drogen, häusliche Gewalt, Prostitution, Alkohol, … das volle Programm findet sich hier. Ein Grossteil der Mädchen zwischen 12 und 15 Jahre wird bereits zum ersten Mal schwanger. Die Knaben vertreiben sich die Zeit mit Leimschnüffeln oder Abfallsammeln.
Und hier arbeiten Iselis, eine Familie aus dem Emmental, die seit 8 Jahren auf diesem harten Pflaster ein Kinderprojekt betreut. Matthias und Julia führen uns durch dieses Quartier. Wir sprechen hier und dort mit Menschen, lassen uns tragische Geschichten und Lebensstories erzählen, spielen und sprechen mit den zahlreichen auf der Strasse lebenden und herumhängenden Kindern und spüren so etwas von den hier herrschenden Verhältnissen. Dabei wird mir klar, das was wir hier sehen ist nicht ein Teil eines Filmes. Die Menschen hier können nicht einfach den Joker ziehen und zurück fliegen in eine andere Welt. Für sie ist das hier Wirklichkeit. Jeden Tag. Gnadenlos. Ein Leben zählt nicht viel. So erzählt uns Mätthel Iseli, wie ein heute zehnjähriger Junge an dieser Stelle zusehen musste, wie sein Vater neben seiner Mutter sitzend von einem Bandenchef niedergeschossen wurde. Am helllichten Tage. Ohne Vorwarnung. Weil er vorher am falschen Ort einen Einbruch getätigt hatte. Der Junge steht vor uns, später wird er auch am Training teilnehmen, zu dem wir alle Kids einladen, die wir antreffen. Hier herrschen andere Gesetze, meist auf Kosten der Kinder. Kindheit gibt es nicht – oder zumindest nur punktuell. Und die meisten Wunden sind äusserlich gar nicht sichtbar.
Rund vierzig Kinder kommen zusammen – wie angekündigt, um 16.00 Uhr auf dem schön renovierten Sportplatz, der mit Geldern aus einem Benefizspiel zwischen Bayern München und einem andern europäischen Topclub vor einigen Jahren zusammen gekommen ist. Und wieder hält die Welt für einen Moment still. Die Kinder spielen, lachen, rufen, kreischen… sie sind für zwei Stunden einfach nur Kinder, wie meine eigenen. Ohne Sorgen. Ohne Elend. Es dunkelt ein. Die Flutlichter des Platzes sind längst eingeschaltet. Wir verabschieden die Kids und machen uns nach einem kurzen Snack auf den Heimweg. Zurück durch die holprigen Gassen der Favela. Es wird nicht viel gesprochen. Jeder braucht etwas Zeit, um die vielen Eindrücke zu ordnen.“
Das Problem der Landesauswahl
In dieser letzten Woche in São Paulo fanden wir aber auch noch Zeit einzelne touristische Aktivitäten zu starten. Auch eher unter diesen Begriff fiel das Länderspiel gegen die brasilianische Landesauswahl. Vor einem guten Jahr erst wurde der nationale Verband ins Leben gerufen. Fast ausschliesslich durch Menschen mit europäischen Wurzeln – zumeist aus der Mittel- und Oberschicht des Zentrums. Gegen diese Nationalmannschaft spielten wir also ein Länderspiel – und gewannen ziemlich klar mit 1:20 … Da bleibt noch viel Arbeit, damit sich Brasilien im kommenden Februar in Texas gegen die USA und Kanada wird durchsetzen und für die WM qualifizieren können. Auch hier war die unheimliche Schere von Arm und Reich deutlich zu spüren. Mindestens zwei Teilnehmer des zweiten Trainerkurses wären von ihrem Können her in der Nati Teamstützen. Beim Ansprechen dieses Themas bei den Nati-Verantwortlichen fand man dann aber doch tausend Ausreden, wieso eine Aufnahme nicht möglich sei…
Es gäbe noch viel zu erzählen von diesem Einsatz im Südosten Brasiliens, doch würde es wohl den Rahmen dieses Blogs erheblich sprengen. Wer jedoch mehr Fotos sehen und weitere Erlebnisse hören möchte, kann jederzeit Kontakt mit mir aufnehmen. Ich bin auch gerne bereit, bei dir zuhause oder in deinem Dorf einen Brasilienabend zu gestalten. So ab 10-15 Personen lohnt’s sich alleweil… Melde dich doch bei Interesse einfach per Mail.
Der Verein Unihockey für Strassenkinder (www.floorball4all.ch) führt jährlich verschiedene Einsätze in Drittwelt- und Schwellenländern durch. Vielleicht wäre so ein Einsatz auch mal etwas für dich? Dann melde dich ungeniert bei mir! Auch findest du auf dieser Homepage Möglichkeiten, wie du den Verein und seine wertvolle Arbeit finanziell unterstützen kannst.
Den Blog zu unserer Reise findest du auf http://brasilien-floorball4all.blogspot.com/
Benj Lüthi, ehemaliger Tiger/‘Zäzeler‘/Torpedo (1995-2006), benj.luethi(at)hispeed.ch
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